Die Kehrseite der Karriere
Sie wollen (fast) alles und kennen den Preis dafür: Eine Umfrage deckt die Nöte und Zwänge junger Führungstalente auf.

Sie haben die besten Voraussetzungen für einen gelungenen Start in ein erfolgreiches Berufsleben: Sie sind jung, sehr gut ausgebildet, hoch motiviert - und doch voller Sorgen. Junge Berufstätige, die Kurs auf Führungsjobs nehmen, fühlen sich unter einem enormen Erfolgsdruck, der sich nicht nur mit ihren eigenen Ambitionen erklären lässt.
"Die Angst vor Arbeitslosigkeit hat sich bis in die Führungsetagen hineingefressen", sagt die Marktforscherin Yvonne Fritzsche-Sterr. "Natürlich haben Nachwuchsmanager keine Angst davor, Hartz-IV-Empfänger zu werden. Aber sie befürchten, einmal keinen Job zu haben, der ihren Qualifikationen und Vorstellungen entspricht." Fritzsche-Sterr hat 300 junge deutsche Führungskräfte unter 40 Jahren über ihre Lebenspläne und Einstellungen befragt. Auftraggeber der Studie war die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers.
Aus Sicht der Jungmanager sind die drängendsten gesellschaftlichen Probleme Arbeitslosigkeit, die demographische Entwicklung, Staatsverschuldung und die Schwierigkeiten der Rentenversicherung. Doch ihre Haltung ist sehr distanziert. Im Rahmen der Befragung war in den persönlichen Interviews etwa folgende Aussage zu hören: "Da sollen sich die Leute darum kümmern, die etwas davon verstehen. Ich kann mich nicht um alles kümmern."
Handelt es sich bei dem Management-Nachwuchs also um junge Egoisten auf der Erfolgsspur? "Nein", sagt Fritzsche-Sterr. Vielmehr sei das eine pragmatische Haltung. Der Erfolgsdruck ließe den Führungskräften kaum Ressourcen, sich gesellschaftlich zu engagieren. Außerdem seien sie mit ihrer Einstellung nicht allein: "Die Besinnung auf sich selbst ist eine grundsätzliche Haltung, die sich in der Gesellschaft entwickelt hat, weil man immer weniger auf staatliche Institutionen zählen kann."
"Selber schauen, wo man bleibt" scheint also die Parole der jungen Manager-Generation zu sein - wobei die Studie aber auch zeigt, dass es ganz unterschiedliche Strategien gibt, mit den Anforderungen und Unsicherheiten umzugehen, die das heutige Berufsleben mit sich bringt. "Es gibt nicht den Manager von morgen", betont Fritzsche-Sterr. Während einige für ihre Karriere selbst Partnerschaften opfern würden, setzen andere bewusst auf Familie. Das Private wird sogar zur "Absicherung", weil man im Fall einer beruflichen Krise vom privaten Netzwerk aufgefangen wird.
Und doch gibt es offenbar eine gemeinsame Idealvorstellung: "Man will eine vielfältige Persönlichkeit sein, keine Arbeitsbiene." Der Ausgleich und das Nebeneinander von Beruf- und Privatleben sind daher ein großes Thema für den Führungsnachwuchs. "Sie wollen einen inhaltlich fordernden Job haben und wünschen sich die Verschmelzung von Beruf und Privatleben, zumindest: beides zu vereinen. Das geht aber nur unter der Bedingung, dass eben auch Leben sein darf neben der Arbeit." Dass sie so viel Zeit und Energie in ihre Arbeit stecken, sehen sie trotz allen Engagements auch kritisch. Sie müssen auf Dauer 14 Stunden und mehr täglich arbeiten, kennen Kollegen, die schon ausgebrannt sind und sehen in den oberen Etagen, wie schnell der Stress auf die Gesundheit schlagen kann.
Schwierig ist die Situation vor allem für die weiblichen Führungskräfte. "Junge Frauen haben noch die Vorstellung, sie könnten alles zusammen hinkriegen: Kinderwunsch, Partnerschaft und Top-Job". Im Laufe ihres Berufslebens fühlten sie sich dann jedoch häufig zu einem Entweder-oder gezwungen. Ihre männlichen Kollegen haben dagegen noch sehr stark die traditionelle Rollenteilung im Kopf. Wobei sie sich auf das Argument berufen, dass derjenige nicht zurückstecken sollte, der die größeren beruflichen Chancen hat.
Unternehmen, die ihren Beschäftigten eine "Work-Life-Balance" bieten, könnten daher bei den High Potentials punkten, meint Fritzsche-Sterr.
Hauptsache Karriere
Obwohl sie ihren Wunsch, Karriere zu machen, so zielstrebig verfolgen, sind die Nachwuchskräfte erstaunlich offen. Wie ihr weiterer Berufsweg aussehen wird, können und wollen sie gar nicht konkretisieren. Vielmehr halten sie sich bewusst mehrere Optionen offen, um alle Möglichkeiten, die sich ihnen bieten, auch ergreifen zu können. "Die Gesellschaft bekommt von jungen Menschen immer einen Spiegel vorgehalten, wie sie sich in den letzten zehn, zwanzig Jahren entwickelt hat", sagt Fritzsche-Sterr. "Die jungen Berufstätigen sind in eine Welt hineingeboren, in der es unmöglich ist, sein Leben durchzuplanen. Jeder junge Mensch ist heute ein Künstler, der sich in Eigenregie aus verschiedenen Versatzstücken seine Biographie zusammenbaut."
Typisch sind die Aussagen: "Mein weiteres Leben wird von so vielen unterschiedlichen Faktoren beeinflusst werden, dass es keinen Sinn macht, es jetzt schon genau zu planen." Oder: "Für mich ist oberstes Prinzip, mich nicht festzulegen. Wer weiß schon, was auf einen zukommt. Ich lebe so, dass ich jederzeit meine Koffer packen kann und los geht’s."
Eine zeitlang im Ausland zu leben, kann sich jeder vierte der Befragten vorstellen. Teils geht es dabei darum, den eigenen Marktwert zu steigern ("Mit jedem Land, das ich kennenlerne, steigen auch meine Chancen.") Ein wichtiger Aspekt ist aber auch, sich persönlich weiterzuentwickeln. "Das bedeutet nicht, dass sie Deutschland den Rücken kehren. Sie wollen wieder zurückkommen", sagt Fritzsche-Sterr. Oder, wie es einer ihrer Gesprächspartner formulierte: "Richtig auswandern, das können die Rentner machen."
Quelle: sueddeutsche.de